Reboarder: Warum rückwärtsgerichtetes Fahren 5x sicherer ist
Ihr Baby wächst und nähert sich dem Punkt, an dem die Babyschale zu klein wird. Der naheliegende nächste Schritt scheint ein “normaler” Kindersitz zu sein – einer, in dem das Kind, genau wie die Erwachsenen, nach vorne blickt. Doch Sicherheitsexperten und Unfallforscher (vom ADAC bis zu skandinavischen Instituten) warnen seit Jahren: Dieser Wechsel erfolgt oft viel zu früh und birgt ein enormes Risiko. Die mit Abstand sicherste Art, ein Kleinkind im Auto zu transportieren, ist in einem Reboarder, also einem rückwärtsgerichteten Kindersitz. Die Statistik ist eindeutig: Das Fahren entgegen der Fahrtrichtung ist für Kinder bis 4 Jahre bis zu fünfmal sicherer als das Fahren in Fahrtrichtung. Doch warum ist der Unterschied so dramatisch?
Die Anatomie des Kindes: Ein Kopf im Ungleichgewicht
Um die Gefahr zu verstehen, muss man die Anatomie eines Kleinkindes betrachten. Bei einem Baby oder Kleinkind macht der Kopf etwa 25 Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Zum Vergleich: Bei einem Erwachsenen sind es nur etwa 6 Prozent. Gleichzeitig sind die Nackenmuskulatur und die Halswirbelsäule noch nicht vollständig entwickelt oder verknöchert. Sie sind extrem empfindlich und instabil. Diese Kombination – ein überproportional schwerer Kopf auf einer schwachen Nackenstruktur – ist der Kern des Problems bei einem Unfall.
Was passiert bei einem Frontalaufprall? Der direkte Vergleich
Frontalunfälle sind die häufigste und oft energiereichste Unfallart. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen den Systemen am deutlichsten.
Im vorwärtsgerichteten Sitz: Bei einem Frontalaufprall wird der Körper des Kindes vom 5-Punkt-Gurt fest im Sitz gehalten. Der schwere Kopf jedoch wird mit extremer Wucht nach vorne geschleudert. Die Nackenmuskulatur kann diese Kräfte nicht abfangen. Es wirken immense Zugkräfte auf die Halswirbelsäule, die zu schwersten oder gar tödlichen Verletzungen im Nacken- und Rückenmarksbereich führen können, selbst wenn der Rest des Körpers unversehrt scheint.
Im rückwärtsgerichteten Sitz (Reboarder): Hier passiert das genaue Gegenteil. Bei einem Frontalaufprall wird der gesamte Körper des Kindes – einschließlich Kopf, Nacken und Wirbelsäule – in die Schale des Kindersitzes gedrückt. Die Aufprallkräfte werden großflächig über den gesamten Rücken und Kopf verteilt und abgefedert. Die empfindliche Halswirbelsäule wird nicht extrem gestreckt, sondern gestützt. Das Verletzungsrisiko für den Nackenbereich sinkt drastisch – um bis zu 90 Prozent.
“Aber mein Kind mag das nicht!” – Die häufigsten Mythen über Reboarder
Eltern haben oft Bedenken, die sich in der Praxis meist schnell auflösen.
- Mythos 1: “Mein Kind hat keinen Platz für die Beine.” Das ist ein Komfort-Argument aus Erwachsenensicht. Kinder sind weitaus flexibler als wir. Sie ziehen die Beine an, setzen sich in den Schneidersitz oder legen die Beine seitlich ab. Das ist für sie bequem und – ganz wichtig – es ist kein Sicherheitsrisiko. Verletzungen an den Beinen sind bei Unfällen in Reboardern extrem selten.
- Mythos 2: “Mein Kind sieht nichts und ihm wird langweilig.” Das Gegenteil ist der Fall. In einem vorwärtsgerichteten Sitz blickt das Kind meist nur auf die Rückenlehne des Vordersitzes. Im Reboarder hat es durch die Seitenfenster und vor allem durch die Heckscheibe ein viel breiteres Panorama.
Mythos 3: “Meinem Kind wird beim Rückwärtsfahren schlecht.” Reisekrankheit (Kinetose) entsteht im Innenohr und hat wenig mit der Fahrtrichtung zu tun. Sie tritt, wenn überhaupt, meist erst später auf und kann auch in vorwärtsgerichteten Sitzen ein Problem sein.
Wie lange sollte mein Kind rückwärtsfahren?
Die Antwort von Experten ist klar: So lange wie möglich.
Die neue europäische i-Size-Norm (ECE R129) schreibt das Rückwärtsfahren gesetzlich bis zu einem Alter von mindestens 15 Monaten vor. Dies ist jedoch nur das absolute Minimum. Sicherheitsexperten und Länder wie Schweden, die in der Kindersicherheit führend sind, empfehlen dringend, Kinder bis zu einem Alter von mindestens 4 Jahren rückwärtsgerichtet zu transportieren, oder solange es der gekaufte Reboard-Sitz von der Größe und dem Gewicht her zulässt.
Die Entscheidung für einen Reboarder und die Nutzung über die 15 Monate hinaus ist eine der wichtigsten Sicherheitsentscheidungen, die Sie für Ihr Kind treffen können. Die Physik eines Unfalls lässt sich nicht überlisten – die Anatomie Ihres Kindes gibt die sicherste Fahrtrichtung klar vor.
